Jahreszeitenkritik

Der Herbst

In diesem (nicht ganz ernst gemeinten ) Gedicht rechne ich mit dem Herbst ab.

von Christian

Wenn im Herbst sich allmählich die Bäume einfärben,
dann denkt man sich im Vorübergehn
„Mensch, ist das dieses Jahr wieder schön“
und bewundert staunend die Blätter beim Sterben.

Ja, das hat der Herbst schon schön gemacht, ne?
Der saß halt so rum und hat sich dann gedacht:
Sterben kann doch auch schön sein.
Und so kleidet er sich besonders schön ein
und zeigt uns, wie schön er Abkrepeln kann.

Und wir finden’s klasse, wir sind ja schon dran
gewöhnt, dass der Herbst so ein Spiel mit uns treibt,
völlig perfide; und das, was zurück bleibt
ist so‘n dumpfes Gefühl, und ein Haufen tote Blätter.
Wir wollen ja nicht viel, wir wollen nur besseres Wetter,
aber das kannst (du) im Herbst ja sowieso vergessen.
Sonne im Herbst, das ist wie’n Bayer in Hessen:
Kommt vor, wirkt aber irgendwie unrealistisch.

Und der Herbst hält sich noch immer für unheimlich wichtig,
dabei ist er noch nicht mal eine richtige Jahreszeit!
Total daneben, der tut mir fast Leid:
wie’n pubertierendes Kind, wie’n Trabbi,
wie’n Döner veganisch,
wie kotzende Ponys, ey, der Herbst, der geht gar nicht!

Und um sich vor allen jetzt wichtig zu machen
lässt er die Blätter verrecken und halt solche Sachen.

Hey, die Blätter waren doch schön so da oben
am Baum, da soll‘n sie ruhig bleiben, am Boden
hier unten sehn die scheiße aus!

Doch der Herbst grinst nur blöd und macht sich nichts draus,
zerzaust dir die Haare und schlägt sich aufs Knie:
Klarer Fall von selbstüberheblicher Soziopathie.


Doktor: Lieber Herr Herbst, nun sagen Sie mal:
Sie sind ja ein sehr interessanter Fall…

Herbst: Fallen, ja genau, das kennen Sie:
das ist meine neue „Corporate Identity“!
Ich will, dass jeder Mensch mich kennt
und jeder mich beim Namen nennt:
Triefende Nasen, fallende Blätter,
beschissene Laune, beschissenes Wetter,
wenn einen eins dieser Symptome erwischt,
weiß jeder: „Herbst, ja, du bist’s,
dich hab ich vernommen.“

Doktor: Sehr schön. Aber kommen
wir mal zum Punkt. Sie wissen schon,
draußen auf der Straße, da ernten Sie Hohn
und Spott, weil eigentlich niemand Sie ernst nehmen will.

Herbst: Ey, du Spast, halt die Fresse, sei still,
Schau mal nach draußen und guck mal nicht weg,
ich bin ein Künstler… wie Picasso auf Crack.
Ich bring die Schönheit hinein in die Welt,
verlange weder Ruhm noch Geld,
und auch die Weiber sind mir egal
wenn ich hier meine Bäume bemal.
Und Alter, ich mach die krass bunt!

Doktor: Dadurch sterben die Blätter und fallen ab.
Herbst: Na und?
Ist das etwa mein Problem?
Es sieht gut aus und ist auch schön,
und wer schön sein will, der muss halt leiden.
Und außerdem, im Vertrauen, so unter uns beiden:
Die Bäume sind doch nur organisches Rohmaterial.
ich flirt die kurz, dann ist’s egal
was mit denen weiter passiert.

Doktor: Na, so krieg ich Sie nicht therapiert!
Die ganze Welt hofft auf ein „Sommer-Reset“
und Sie schicken alle mit Grippe ins Bett.
Was andere denken ist Ihnen egal.

Erzähler:
Die Bäume zum Beispiel, denn die werden kahl
und machen dann modisch… nicht mehr viel her.
Die Krone ist knöchig und pieskig und leer,
die Vögel sind weg, und die Mäuse versteckt,
die Blumen im Feld sind alle verreckt,
die Frösche erstarrt oder halt direkt erfroren,
alles verdorben, verdorrt und verloren,
verregnet, vernebelt, verblüht und verblödet,
vereinsamt, verzweifelt, verkühlt und verödet,
verfault und vermodert und die Natur
vegetiert vor sich hin, von Vegetation keine Spur.

Und grad, wo man denkt, ey, ich hab jetzt genug,
der Winter kommt und ich find es gut,
dann wird es halt kalt, ich bin jetzt bereit
jetzt kommt halt ne richtige Jahreszeit…
da hat der Herbst ne Überraschung parat:
Strahlender Sonnenschein und 15 Grad.

Denn wie sehr er sich anstrengt, er kriegt’s nicht gebacken
irgendwas einmal richtig zu machen.
Uns piesacken, das kann er zwar schon ganz prima,
aber um uns richtig auf die Palme zu bringen –
dazu fehlt ihm das Klima.

Weil er immer und wieder nur mittelmäßig bleibt;
er ist halt einfach ne „Dreivierteljahreszeit“.

Und wohin man auch blickt, halb-erfrorene Kinder.
(Nicht völlig erfroren, wie dann später im Winter,
da wären sie wenigstens konserviert!)
Ne, zwar ist es so kalt, dass man fast erfriert,
aber wieder nur fast, so dreiviertel-mäßig.
Genau wie mit Schnee, den gibt‘s auch eher wässrig.
Und Sonnenschein gibt es auch nur in kalt.
Im Herbst ist alles nicht Ganz und nicht Halb.

Darum lasst uns zusammen den Herbst begrüßen:
Herbst, wenn ich du wär, ich würd mich erschießen.

(Christian Methfessel, 04.05.2013)

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